Montag, 21. März 2011

Ein Rückblick auf den 1. Bundeskongress der Freien Darstellenden KünstlerInnen

Im Jahr des 20-jährigen Bestehens des Bundesverbands Freier Theater (BUFT) gelang die Ausrichtung eines 1. Bundeskongresses der Freien Darstellenden KünstlerInnen zum Thema Freies Theater der Zukunft im Stuttgarter Theaterhaus mit 250 Theaterschaffenden aus ganz Deutschland. Neben einem kurzen Rückblick auf die Szene, deren Entwicklung und natürlich auch der Entwicklung des BUFT war der Kongress ganz dem Blick nach vorn gewidmet.

Die Vorstellung aktueller Bestandsaufnahmen und -analysen bildete die Basis für die dort diskutierten Zukunftsvisionen, für die neuen Herausforderungen, denen sich das Freie Theater stellen muss. Die Forderung nach einem Umdenken galt in den Panels, Podiumsdiskussionen, Vorträgen und Arbeitsgruppen sowohl den eigenen Strukturen als auch der Förderpolitik und den Partnern Freier Theaterarbeit.

Den Einstieg in den Kongress bildeten zwei Impulsreferate, die sich mit dem Wandel in Kunst und Gesellschaft und den daraus entstehenden Fragen zu den Anforderungen an das Freie Theater beschäftigten. Jochen Sandig, Gründer „Sasha Waltz & guests" und Leiter des Radialsystem V, und Andreas Fanizadeh, Leiter des Kulturressorts der taz, stellten ausgehend von den aktuellen gesellschaftlichen Anforderungen wie Globalisierung, Finanzkrise, Migrationsprozesse, Überalterung der Gesellschaft und mediale Omnipräsenz, die Fragen nach den Kernkompetenzen Freier Theaterschaffender. Mittels Gegenüberstellung der bestehenden Theatersysteme hinterfragten die Referenten die Phänomene von Vereinzelung und Zusammenschluss.

Nach einer anschließenden Podiumsdiskussion zu o.g. Einstieg, stellte Günter Jeschonnek, Geschäftsführer des Fonds Darstellende Künste, die aktuell umfangreichste Untersuchung zur wirtschaftlichen, sozialen und arbeitsrechtlichen Situation Freier Darstellender Künstler in Deutschland vor, die in dem druckfrischen 700-seitigen Werk „Report Darstellende Künste" dargestellt wird. Neben Studien und Diskursen, enthält der Report umfangreiches Datenmaterial aus der Fragebogenaktion und den ergänzenden qualitativen Interviews mit Darstellenden Künstlern, an deren Zusammenstellung die Landesverbände des BUFT in 2008 und 2009 maßgeblich beteiligt waren.

Die mit Zahlen gestützten Fakten untermauerten erstmalig, was viele der Anwesenden in ihrer eigenen Arbeitsrealität täglich erfahren und zeichneten an dieser Stelle ein eindeutiges Bild für Deutschland. Weit über die Hälfte der Freien Theater- und Tanzschaffenden haben mindestens einen akademischen Abschluss, den Großteil der Theater- und Tanzschaffenden zeichnet eine ausgeprägte Mobilität aus, Administration und Organisation sowie Mittelbeschaffung nehmen ca. 40% der Arbeitskraft in Anspruch. Über 50% der Theaterschaffenden haben keinen Zugriff auf Proberäume. Die Einkommenssituation ist prekär. Um nur einen kleinen Teil zu nennen. Das vollständige Werk ist beim Fonds Darstellende Kunst zu bestellen. Nach dieser „Umwandlung" von gefühltem Wissen in Faktenwissen endete der erste Kongresstag.

Am darauf folgenden Freitag eröffnete Alexander Pinto vom Landesverband Freier Theater in Hamburg mit einem Impulsreferat zur Mobilität Freier Darstellender Künstler den zweiten Kongresstag. Unterstützt durch die Fakten des Vortages stellte Pinto die Frage nach der Lebensorganisation Freier Theaterschaffender und schlussfolgerte: „Freie Darstellende Künstlerinnen und Künstler arbeiten und leben multilokal." Mit Ausführungen zu neuen Arbeitsformen, die auf Multilokalität basieren, öffnete dieser Beitrag eine Tür zu einem aktuellen Themenfeld, das noch längst nicht zu Ende gedacht ist.

Nach diesen reichhaltigen Denkanstößen öffnete sich der Kongress für die anwesenden Theaterschaffenden in fünf parallel stattfindende Panels, in denen über die Potentiale Kultureller Bildung in der Freien Darstellenden Kunst,über FreiRäume der Zukunft, über Neue Wege für Produktionen in Europa, über die Kultur- und Kreativwirtschaft und über Ausbildung und Nachwuchsförderung in kleinerem Kreise diskutiert werden konnte. An dieser Stelle wurde den Themen Rechnung getragen, die den BUFT in seiner aktuellen Arbeit beschäftigen und die durch diese Austauschform neue Impulse aus der Szene gewinnen konnten bzw. Rückendeckung in der weiteren Ausgestaltung erfuhren.

Mit Grußworten aus Politik und Gesellschaft begann der Nachmittag des zweiten Kongresstages und ließ auch die Möglichkeit zu einem Rückblick auf das bereits Erreichte und das (noch) nicht Erreichte. In dem Impulsreferat „Wuppertal ist überall" von Prof. Wolfgang Schneider, Vorsitzender des Deutschen Kulturrates, der sich an die gesamte Theaterlandschaft wendete und eine längst überfällige und überlebensnotwendige Strukturveränderung forderte, fühlte sich der/diejenige, der/die die Arbeit des BUFT seit einigen Jahren verfolgt, an die bereits in 2004 gestellten Forderungen erinnert.

Die damalige Vorsitzende Kirsten Hass verlangte seinerzeit bereits eine grundlegende Veränderung der Förderpolitik hinsichtlich der gesamten Theaterförderung. Spätestens an dieser Stelle des Kongresses wurde klar, die Szene hat sich in den vergangenen Jahren entwickelt, in unterschiedlichen Bereichen sind wir vorangekommen.

Es gibt aber auch noch viele Baustellen, auf denen sich noch nicht genug bewegt hat, ganz zu schweigen von neuen Herausforderungen und Arbeitsfeldern.Die anschließende Podiumsdiskussion nahm daraufhin unter dem wohlklingenden Titel „Kunst braucht Gunst" (erinnert an den bundesweiten Aufruf des Deutschen Kulturrates „Kultur gut stärken" Aktionstag am 21. Mai 2011 - www.kulturstimmen.de) die Perspektiven einer Theaterpolitik in den Blick.

Der gesamte Nachmittag war geprägt vom Ruf nach einem Theaterentwicklungsplan, der die Gesamtheit der Sparte in den Blick nimmt und die Zukunft des Theaters in Deutschland sicherstellen soll. Am dritten Kongresstag wurde der methodische Ansatz grundlegend verändert. Die anwesenden Freien Theaterschaffenden sollten nun zu Wort kommen und die folgenden Themen bestimmen.

Im Open Space Verfahren formierten sich stattliche 40 Arbeitsgruppen, was das enorme Austauschbedürfnis unterstrich. Zusammenfassend bewegten sich die Arbeitsgruppen in den Themenfeldern Selbstvergewisserung als Künstler und zu gesellschaftlichen/ künstlerischen Visionen, Produktionsbedingungen, -formen und -strukturen, Berufsbild und (individuelle) Existenzsicherung, Vernetzung, Austausch und Vermarktung. Die entstandene umfangreiche Liste von Forderungen, Visionen und Problembeschreibungen wurde in großen Teilen durch freiwillige Unterstützungsangebote personeller Art untersetzt und gibt dem BUFT die Möglichkeit an diesen Arbeitsfeldern, in enger Vernetzung mit den am Kongress beteiligten Theaterschaffenden, weiter zu denken und zu arbeiten.

Auch der vierte Kongresstag bot nochmals eine Darstellung von Fakten aus der Realität Freier Theaterschaffender Deutschlands. Caroline von Sasmannshausen, Theaterwissenschaftlerin an der Universität Hamburg, erarbeitete im Auftrag des Landesverband Freier Theater Hamburg eine Bestandsaufnahme landesweiter Förderstrukturen im bundesweiten Vergleich. Besonders interessant war hier die Potentialanalyse, aus der Sassmannshausen Vorschläge für die Förderpolitik formulierte. Die Kurzversion dieser Studie ist beim Landesverband Freier Theater Hamburg erhältlich.

Im anschließenden Podiumsgespräch befassten sich Künstler, Förderer und Netzwerker nochmals mit den Konsequenzen für die Förderstrukturen. Nach dem Modell des Tanzplan Deutschland wurde hier nach einer allgemeinen Lösung für die Freien Darstellenden Künstler gesucht.

Mit „gefüllten Taschen" oder einer reichen Auftragslage konnte Alexander Opitz als Vorsitzender des Bundesverbands Freie Theater den Kongress am Sonntag beschließen. Der BUFT hat nun den Auftrag, die Ergebnisse dieses erfolgreichen Kongresses zu sichten, zu bündeln und einzelne Themenfelder weiter zu verfolgen, um die Freie Theaterlandschaft in Deutschland zu gestalten.

Der 1. Kongress der Freien Darstellenden Künstler und Künstlerinnen wird auf diesem Weg sicherlich nicht der letzte gewesen sein.

von Katrin Brademann

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